Für hohe Betonbauwerke wie Türme, Schornsteine, Siloanlagen oder Aussteifungskerne stehen Bauunternehmen vor der Wahl zwischen zwei grundlegend verschiedenen Schalungsverfahren: Kletterschalung und Gleitschalung. Beide Systeme transportieren die Schalung schrittweise nach oben, nutzen dafür aber völlig unterschiedliche Prinzipien – mit messbaren Auswirkungen auf Bauzeit, Optik und Wirtschaftlichkeit.

Wie funktioniert Kletterschalung?

Bei der Kletterschalung wird eine großflächige Wandschalung in regelmäßigen Takten nach Abbinden des Betons nach oben gezogen. Das Versetzen übernimmt entweder ein Mobilkran oder ein Kletterautomat. Das Bauwerk „klettert" also schrittweise, in mehreren Abschnitten, in die Höhe. Typisch ist bei optimalen Randbedingungen eine Taktlänge von drei Tagen bei einer Ausführungshöhe von rund 4,5 Metern pro Takt.

Ein entscheidender Nachteil: Nur wenn der Beton ausreichend fest ist, kann die Kletterschalung am zuletzt hergestellten Abschnitt verankert werden. Gerade in größeren Höhen müssen die Kräfte aus Windangriff sicher aufgenommen werden. Das verlängert besonders in der kalten Jahreszeit die theoretisch mögliche Taktdauer und damit die Bauzeit.

Gleitschalung: Kontinuierlicher Aufbau im 24-Stunden-Betrieb

Im Gegensatz dazu laufen Gleitschalungen kontinuierlich, im 24-Stunden-Schichtbetrieb, ab. Die Schalung bewegt sich fort, indem sich die Arbeitsbühne, die sogenannte Gleitbühne, an Hubstangen nach oben drückt. Der bereits erstellte Abschnitt übernimmt dabei alle Lasten. Beton und Bewehrung werden kontinuierlich, entsprechend dem Höhenfortschritt, eingebaut.

Gleitschalung ist ideal zur schnellen und wirtschaftlichen Herstellung hoher Betonbauwerke, wenn der Querschnitt über die Höhe weitgehend konstant bleibt. In der Baupraxis sind das meist:

  • Türme und Schornsteine
  • ein- bzw. mehrzellige Siloanlagen
  • Aussteifungskerne für Hochhäuser
  • Treppenhäuser und Aufzugsschächte

Geschwindigkeits-Vorteil: Dreimal schneller als Kletterschalung

Der messbarste Vorteil der Gleitschalung liegt in der Geschwindigkeit. Ein Rechenbeispiel eines 48 Meter hohen einzelligen Treppenturmes zeigt: Mit einer Gleitschalung kann der Turm fast dreimal schneller als mit einer Kletterschalung realisiert werden – in 13,5 statt 37 Arbeitstagen. Der spätere Einbau der Treppenläufe ist dabei nicht berücksichtigt. Je höher das Bauwerk, desto größer ist der Geschwindigkeits-Vorzug, weil dann die Dauer der Vor- bzw. Demontage weniger ins Gewicht fällt.

Optik und „Ringelsockeneffekt" bei Kletterschalung

Ein weiterer Nachteil der Kletterschalung zeigt sich in der äußeren Erscheinung: Das fertige Bauwerk ist geprägt durch die horizontalen Arbeitsfugen zwischen den einzelnen Kletterabschnitten. Je nach Abschnitt stammt der Beton aus verschiedenen Chargen. Das führt zu einem sogenannten „Ringelsockeneffekt" – unterschiedliche Farbtönungen übereinander. Oft muss das Bauwerk deshalb nachträglich verkleidet oder beschichtet werden, auch wenn teure Sichtbetonschalungen zum Einsatz kamen und handwerklich einwandfrei gearbeitet wurde.

Bei der Gleitschalung entsteht ein gleichmäßigeres Erscheinungsbild: Es gibt keine Arbeitsfugen. Zwar wird auch bei Gleitschalung der Beton in mehreren Lagen eingebaut. Doch wegen der geringen Höhe der einzelnen Lagen fällt die unterschiedliche Farbtönung der Betonchargen weniger auf als bei der Kletterschalung.

Praxiserfahrung im Ingenieurbau

Bauunternehmen wie Wolff Müller Ingenieurbau haben in den vergangenen Jahren mehrere Projekte im Gleitschalverfahren ausgeführt, unter anderem Bauwerke für einen Automobilhersteller bei Stuttgart und für ein Chemie-Werk in Frankfurt-Höchst. Diese Referenzen ermöglichen einen direkten Vergleich der beiden Verfahren unter realen Baustellenbedingungen.

Die Wahl des passenden Systems hängt letztlich von mehreren Faktoren ab: Querschnitt und Höhe des Bauwerks, geforderte Oberflächenqualität, Baustellenlogistik und Terminvorgaben. Bei konstantem Querschnitt und hohen Anforderungen an Baugeschwindigkeit und Sichtbetonqualität spricht vieles für die Gleitschalung – bei wechselnden Querschnitten oder niedrigeren Bauwerken bleibt die Kletterschalung oft die wirtschaftlichere Wahl.

Weitere Verfahren zur präzisen Ausführung von Betonbauwerken finden Sie in unserem Artikel zur Betonpumpe sowie zum Thema BIM (Building Information Modeling), das zunehmend auch die Planung von Schalungsabläufen unterstützt.