Seit der Veröffentlichung des VOB-Ergänzungsbandes 2015 gelten im Erdbau neue Spielregeln: Die ATV DIN 18300 Erdarbeiten hat die bisherigen Boden- und Felsklassen durch sogenannte Homogenbereiche ersetzt. Für Sie als Bauunternehmer, Kalkulator oder Maschinenführer ändert sich damit die Grundlage für Ausschreibung, Leistungsberechnung und Maschineneinsatz. Statt starrer Klassen definieren Sie nun Bereiche mit ähnlichen Eigenschaften – präziser, aber auch komplexer.

Warum wurden die Bodenklassen abgeschafft?

Die alte Einteilung in Boden- und Felsklassen basierte auf einer gerätespezifischen Betrachtung des Lösens von Boden und Fels. Das Problem: Diese Vorgehensweise widersprach dem Grundprinzip der VOB/C, wonach die Wahl der Geräte und Verfahren allein Sache des Unternehmers ist. Der Deutsche Vergabe- und Vertragsausschuss für Bauleistungen (DVA) sowie der Hauptausschuss Tiefbau (HAT) haben deshalb 2009 einen Arbeitskreis gebildet, der die ATV DIN 18300 überarbeitet hat.

Parallel dazu untersuchte das Ingenieurbüro Geotechnik und Dynamik Consult aus Berlin (GuD, Prof. Borchert) im Rahmen eines vom Deutschen Institut für Normung (DIN) geförderten Forschungsvorhabens Möglichkeiten zur Vereinheitlichung. Ziel war ein einheitliches Schema, das den gleichen Boden für jedes Gewerk analog bezeichnet und beschreibt – nicht mehr abhängig vom eingesetzten Bagger oder Löffel.

Was sind Homogenbereiche?

Homogenbereiche gruppieren Boden- und Felsarten nach ihrer physikalischen Beschaffenheit, Bearbeitbarkeit und weiteren Faktoren wie chemischer Zusammensetzung oder Kontaminierung. Im Gegensatz zu den alten sieben Bodenklassen – von lockerem Oberboden (Klasse 1) bis hartem Felsboden (Klasse 7) – ermöglichen Homogenbereiche eine differenziertere Einschätzung der Bauvoraussetzungen. Jeder Homogenbereich definiert ein Gebiet mit ähnlichen Eigenschaften, was eine präzisere Planung und Ausführung von Erdbauarbeiten ermöglicht.

Für Sie bedeutet das in der Praxis: Sie beschreiben den Boden nicht mehr pauschal als "Klasse 3" oder "Klasse 5", sondern klassifizieren ihn nach messbaren Kriterien wie Tragfähigkeit, Lösbarkeit und Wiedereinbaufähigkeit. Das erhöht die Transparenz – erfordert aber auch ein genaueres Bodengutachten vor der Kalkulation.

Welche Vorteile bringen Homogenbereiche auf der Baustelle?

  • Präzisere Leistungsberechnung: Die Baggerleistung hängt nicht mehr von einer pauschalen Klasse ab, sondern von den tatsächlichen Bodeneigenschaften. Das reduziert Streitfälle bei der Abrechnung.
  • Bessere Maschinenauswahl: Wenn Sie wissen, welcher Homogenbereich vorliegt, können Sie die passende Kombination aus Hydraulikbagger, Baggerlöffel und Anbaugerät gezielter wählen – das spart Betriebsstunden und Diesel.
  • Transparente Ausschreibung: Auftraggeber müssen genauer beschreiben, was sie erwarten. Das verringert das Risiko unkalkulierbarer Mehrkosten durch überraschende Bodenverhältnisse.
  • Einheitliche Sprache: Die 13 verschiedenen Boden- und Felsklassen, die früher in verschiedenen ATV verwendet wurden, sind Geschichte. Jetzt gilt ein einheitliches Schema über alle Gewerke hinweg.

Wie setzen Sie Homogenbereiche in der Kalkulation ein?

Für die Kalkulation Ihrer Erdbauarbeiten benötigen Sie ein fundiertes Bodengutachten, das die Homogenbereiche klar ausweist. Darauf basierend kalkulieren Sie Ihre Baggerleistung, Transportvolumen und Verdichtungsaufwand. Die Leistungswerte pro Stunde oder Schicht hängen direkt von der Lösbarkeit und Konsistenz des Bodens ab. Anders als früher gibt es keine Tabellenwerte für "Klasse 4" – Sie müssen die spezifischen Eigenschaften jedes Homogenbereichs berücksichtigen.

Achten Sie darauf, dass die Ausschreibung die Homogenbereiche eindeutig benennt. Wenn das Leistungsverzeichnis vage bleibt, fordern Sie Nachbesserung – sonst tragen Sie das Risiko. In der Praxis hat sich bewährt, bei unklaren Verhältnissen eine Bodenerkundung mit Probeaushub einzufordern, bevor Sie Ihr Angebot abgeben.

Welche Rolle spielt die Norm SN 670 004-1?

Die schweizerische Norm SN 670 004-1 befasst sich ebenfalls mit Bodenklassifizierung und Löseverhalten bei Erdbauarbeiten. Sie bietet ein paralleles System zur deutschen ATV DIN 18300, das Homogenbereiche nach Fels- und Lockergesteinsklassen sowie maschineller Lösbarkeit definiert. Wenn Sie grenzüberschreitend arbeiten oder mit Schweizer Auftraggebern zu tun haben, sollten Sie beide Systeme kennen – die Grundprinzipien sind ähnlich, die Details unterscheiden sich jedoch.

Praxistipp: So vermeiden Sie Kalkulationsfehler

Die richtige Einschätzung des Bodens kann nicht nur Zeit und Geld sparen, sondern auch die Sicherheit und Langlebigkeit Ihres Bauwerks gewährleisten. Falsche Einschätzungen führen zu zusätzlichen Kosten, von Mehraufwand beim Lösen bis hin zu Schäden durch unzureichende Verdichtung. Fordern Sie deshalb immer ein detailliertes Bodengutachten und prüfen Sie, ob die Homogenbereiche plausibel definiert sind. Bei Zweifeln sollten Sie eine Probenahme verlangen – das kostet weniger als eine Nachforderung wegen unerwarteter Bodenverhältnisse.

Weitere Informationen zur digitalen Erfassung von Bodeneigenschaften mit BIM finden Sie in unserem Themenportal. Für die praktische Umsetzung lohnt sich auch ein Blick auf die Prüfverfahren in der Verdichtungskontrolle.