Die Liebherr-Werk Ehingen GmbH hat am 29. Juli 2026 die diesjährigen Förderpreise an 20 Schülerinnen und Schüler des Technischen Gymnasiums in Ehingen vergeben. Die angehenden Ingenieure hatten seit Dezember 2025 an der Entwicklung einer Wendeeinheit gearbeitet – ein Praxisprojekt, das technisches Know-how, Dokumentation und Wirtschaftlichkeit verbindet. Die Kooperation zwischen dem Liebherr-Werk und der Gewerblichen Schule Ehingen besteht seit 2007 und soll junge Menschen für die Technik begeistern.

Das Projekt startete am 8. Dezember 2025 mit einer klaren Aufgabenstellung: Die Schüler der 11. Klasse sollten ein Modul konstruieren und fertigen, das ein Bauteil um 180 Grad entlang seiner Längsseite dreht. Das Bauteil wird über ein vorhandenes Förderband in die Vorrichtung geschoben und nach dem Wendevorgang wieder darauf abgelegt. Der Wendevorgang kann manuell oder elektrisch gesteuert werden. Lehrer Marcus Bund betreute das Projekt schulisch, Simon Ritter, Ausbilder für technische Studiengänge bei Liebherr, stand den Teams als Sparringspartner zur Seite.

Warum solche Projekte für die Baumaschinenindustrie wichtig sind

Die Baumaschinenbranche kämpft seit Jahren mit Fachkräftemangel – nicht nur auf der Baustelle, sondern auch in Entwicklung, Produktion und Service. Initiativen wie die Liebherr-Förderpreise setzen früh an: Sie bringen Schülern praxisnah bei, wie Konstruktion, Fertigung und Kalkulation in der Industrie ablaufen. Die Aufgabenstellung orientierte sich an realen Anforderungen aus der Produktion – ein Ansatz, der künftige Ingenieure und Techniker besser auf den Berufseinstieg vorbereitet als rein theoretischer Unterricht.

Für Hersteller wie Liebherr ist die Zusammenarbeit mit Schulen und Hochschulen strategisch wichtig. Wer frühzeitig den Kontakt zu Talenten aufbaut, hat bessere Chancen, sie später für eine Ausbildung oder ein duales Studium zu gewinnen. Die Kooperation in Ehingen läuft seit fast 20 Jahren – ein langfristiges Engagement, das auf Kontinuität setzt statt auf kurzfristige Recruiting-Kampagnen.

Was die Schüler leisten mussten

Die 20 Teilnehmer arbeiteten in sieben Gruppen. Neben der technischen Lösung mussten sie mehrere weitere Anforderungen erfüllen:

  • Sicherheit: Die Anlage musste allgemeine Sicherheitsstandards erfüllen.
  • Wirtschaftlichkeit: Die Fertigung sollte unter realistischen Kostengesichtspunkten erfolgen.
  • Dokumentation: Aufgabenstellung mit Lasten- und Pflichtenheft, Marktanalyse, Produktname, Begründung der gewählten Lösung, technische Unterlagen (Zeichnungen, Schaltpläne, Berechnungen), Fertigungsschritte, Kostenkalkulation und Fazit.

Die Teams präsentierten ihre Ergebnisse in der Lehrwerkstatt des Liebherr-Werks. Eine Jury, bestehend aus den Ausbildern Simon Ritter und Andreas Reichart, bewertete die Arbeiten nach einem umfangreichen Kriterienkatalog. Bernd Boos, Technischer Geschäftsführer der Liebherr-Werk Ehingen GmbH, überreichte die Preise. Der erste Preis über 500 Euro ging an Emilia Beck und Selina Haberbosch, den zweiten Preis über 300 Euro erhielten Reiner Wallner, Leon Jesser und Simon Schwarz. Der dritte Platz mit 200 Euro ging an Manuel Engel, Bastian Guggenberger und Nico Benkendorf. Alle Teams erhielten zusätzlich eine Urkunde und einen Sachpreis.

Welche Rolle spielt die Dokumentation?

Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die umfassende Dokumentation – ein Aspekt, der im späteren Berufsleben entscheidend ist, aber im Schulalltag oft zu kurz kommt. In der Praxis muss jede Konstruktion nachvollziehbar sein: für Kollegen, für die Fertigung, für Qualitätssicherung und Wartung. Die Schüler lernten, dass technische Exzellenz allein nicht ausreicht – sie muss auch kommuniziert werden.

Die geforderte Marktanalyse und Kostenkalkulation bringen zudem eine wirtschaftliche Perspektive ein. Wer später in der Entwicklung arbeitet, muss verstehen, dass jede Designentscheidung Kosten nach sich zieht. Solche Zusammenhänge frühzeitig zu vermitteln, ist ein wesentlicher Vorteil praxisnaher Projekte.

Wie andere Hersteller ähnliche Wege gehen

Liebherr ist nicht der einzige Hersteller, der in Nachwuchsförderung investiert. Caterpillar und Volvo CE betreiben eigene Ausbildungszentren und kooperieren mit technischen Schulen. Komatsu bietet Schülerpraktika und Werksbesichtigungen an, um Interesse an technischen Berufen zu wecken. Auch kleinere Unternehmen wie Wacker Neuson setzen auf duale Studiengänge und Schulpartnerschaften.

Die Herausforderung ist dabei nicht nur, Talente zu finden, sondern sie auch langfristig zu binden. In einer Branche, die zunehmend auf Telematik, Elektrifizierung und BIM setzt, braucht es Ingenieure, die sowohl Maschinenbau als auch Digitalisierung beherrschen. Projekte wie das Liebherr-Förderprogramm legen dafür die Grundlagen.

Was bleibt: Teamarbeit und Praxiserfahrung

Bernd Boos, Technischer Geschäftsführer der Liebherr-Werk Ehingen GmbH, fasste das Projekt zusammen: „Alle Teilnehmenden haben wertvolle Erfahrungen gesammelt und gezeigt, was mit Fachwissen, Engagement und Teamgeist möglich ist. Die unterschiedlichen Lösungen verdeutlichen, wie vielfältig und kreativ technische Herausforderungen gemeistert werden können."

Die Vielfalt der Lösungen ist dabei ein wichtiges Signal: Es gibt selten die eine richtige Antwort in der Technik. Verschiedene Ansätze können zum Ziel führen – je nach Prioritäten bei Kosten, Sicherheit, Fertigungsaufwand oder Flexibilität. Diese Erkenntnis ist für angehende Ingenieure zentral.

Für die Schülerinnen und Schüler war das Projekt mehr als eine Schulaufgabe. Sie hatten die Chance, an einem realen technischen Problem zu arbeiten, Feedback von Praktikern zu bekommen und ihre Ergebnisse vor einer Jury zu verteidigen. Solche Erfahrungen prägen die weitere Berufswahl stärker als jede Stellenanzeige.

Langfristige Perspektive statt kurzfristigem Recruiting

Die Kooperation zwischen Liebherr und der Gewerblichen Schule Ehingen ist ein Beispiel für strategische Nachwuchsförderung. Statt auf kurzfristige Recruiting-Maßnahmen zu setzen, investiert das Unternehmen seit fast 20 Jahren in die Ausbildung junger Talente. Das zahlt sich langfristig aus: Absolventen des Technischen Gymnasiums kennen Liebherr bereits aus dem Schulprojekt – die Hemmschwelle für eine Bewerbung sinkt, die Identifikation mit dem Unternehmen steigt.

Solche Initiativen sind besonders wichtig in Regionen, in denen mehrere Industrieunternehmen um Fachkräfte konkurrieren. Wer früh Präsenz zeigt und praxisnahe Einblicke bietet, hat bessere Chancen, Talente für sich zu gewinnen. Das gilt nicht nur für Großkonzerne, sondern auch für mittelständische Zulieferer und Händler.

Für die Baumaschinenbranche insgesamt bleibt die Nachwuchsförderung eine Daueraufgabe. Angesichts des demografischen Wandels und des steigenden Bedarfs an Spezialisten für Hybridantriebe, 3D-Maschinensteuerung und autonome Baumaschinen wird der Wettbewerb um Talente weiter zunehmen. Initiativen wie die Liebherr-Förderpreise zeigen, dass kontinuierliches Engagement mehr bewirkt als punktuelle Aktionen.

Ein verwandtes Beispiel liefert Liebherr mit der Öffnung des Werks Ehingen für Kindergartenkinder – auch hier setzt der Hersteller früh an, um Begeisterung für Technik zu wecken.

Quellen