Volvo Construction Equipment bleibt bei seiner Elektrifizierungs-Strategie – auch wenn der Markt langsamer anzieht als erhofft. Präsident Melker Jernberg räumt ein, dass die Einführung elektrischer Baumaschinen „zu früh" kam, wertet dies jedoch als notwendige Vorab-Investition. „Wir haben beim ersten Modellpaar, dem L25 und ECR 25 auf der bauma 2019, sogar diskutiert, ob wir sie überhaupt am Stand zeigen sollen – ich sagte, sie gehören ins Zentrum", so Jernberg bei einem internationalen Pressegespräch in der vergangenen Woche.

Die ersten Auslieferungen an Kunden erfolgten 2020. Seitdem entwickelt Volvo CE die dritte Generation kompakter Elektro-Maschinen. „Wenn das nie passiert wäre, würde ich es bereuen. Da ich fest daran glaube, dass es passieren wird, bereue ich es nicht – aber wir investieren im Voraus, und wir passen an. Es ist nicht so, dass wir einen Plan von 2019 haben und den blind verfolgen", erklärt Jernberg.

Frühe Investition als Versicherungsprämie

Jernberg reagiert damit auf die Kritik, Volvo CE habe elektrische Baumaschinen zu schnell auf den Markt gebracht. Er vergleicht die Strategie mit einer „Versicherungsprämie": „Man kann sagen, man ist ein schneller Nachfolger und wartet einfach ab. Ich denke, das ist ein Risiko. Wenn man früh in die S-Kurve investiert, investiert man zu früh. Aber da man nicht weiß, wann das passiert, ist es eben die Versicherungsprämie."

Die S-Kurve beschreibt einen natürlichen Zyklus langsamen anfänglichen Wachstums, gefolgt von einer schnellen Beschleunigung und schließlicher Stabilisierung. Jernberg hofft auf ein baldiges Einsetzen dieser Wachstumsphase und verweist darauf, dass nicht nur Volvo CE vom Entwicklungsfortschritt profitiert: „Die gesamte Industrie für Batterien, Elektromotoren, Wechselrichter und Ladegeräte entwickelt sich weiter."

TCO statt Nachhaltigkeits-Rhetorik: Wo liegt der Fokus?

Bei der Frage, ob die Argumentation mittlerweile eher auf TCO (Total Cost of Ownership) als auf Nachhaltigkeit zielt, reagiert Jernberg entschieden: „Nein, ich denke nicht, dass es wichtig ist, dass die Botschaft sich verschiebt. Wir können nicht kontrollieren, wie sich die Welt bewegt, was in den Schlagzeilen steht und Energie darauf verschwenden, ob wir ein Problem mit dem Planeten haben oder nicht. Es ist einfach traurig, dass wir uns nicht darauf einigen können, dass wir es lösen müssen."

Stattdessen konzentriert sich der Hersteller auf das Machbare: „Wir fokussieren uns darauf, wo wir einen Unterschied machen können. Wir können einen sehr kleinen Unterschied machen, indem wir die Welt beeinflussen, mehr über Nachhaltigkeitsfragen zu sprechen – aber wir können einen großen Unterschied machen, indem wir Produkte und Dienstleistungen bringen, die dem Kunden helfen, niedrigere TCO zu erreichen. Das ist der echte Wandel. Und das wird natürlich auch die Nachhaltigkeitsfrage unterstützen."

Nordamerika: 1,2 Milliarden US-Dollar Investition und Excavator-Fokus

Volvo CE treibt seine globale Expansion voran. Auf der ConExpo in Las Vegas kündigte der Hersteller eine strategische Investition von 1,2 Milliarden US-Dollar in Nordamerika an, darunter eine Erweiterung der globalen Raupenbagger-Produktion in Shippensburg, Pennsylvania, im Wert von 261 Millionen US-Dollar. Jernberg betont drei Kernbereiche: „Construction, Mining sowie Quarry and Aggregates" – alle drei mit starken Märkten in Nordamerika.

„Die größten Chancen sehe ich vor allem in Bau, Bergbau sowie Steinbruch und Zuschlagstoffen – mit vielen guten Produkten und Dienstleistungen. Wenn man rein auf Produkte schaut, dann ist natürlich der größte und vielleicht am schnellsten wachsende Markt der Bagger-Markt. Unser Erbe kommt eher aus dem Laden und Transportieren", sagt Jernberg. „Bagger-Marktanteile sind produktseitig natürlich wichtig für uns – das gilt für alle Märkte. In Nordamerika haben wir großartige Möglichkeiten. Die USA sind groß, sowohl geografisch als auch bei verschiedenen Produkten. Kompakte Maschinen sind, was sie sind – wir sind dort noch nicht so stark. Aber sowohl beim Transportieren als auch beim Baggern haben wir absolut Raum für Verbesserungen."

China: Ende des SDLG-Joint-Ventures als „glückliche Scheidung"

Am 1. September 2025 endete offiziell das langjährige Joint Venture mit SDLG in China. Jernberg zeigt sich optimistisch: „Wir hatten es 18 Jahre lang mit viel guter Entwicklung zusammen, sowohl in China als auch außerhalb Chinas." Er bezeichnet das Ende als „glückliche Scheidung" und weist darauf hin, dass eine hohe Stückzahl nicht immer gleichbedeutend mit hohen Gewinnen sei.

Für die Zukunft verweist er auf die Produktion in Shanghai, die mittlerweile Bagger, elektrische Radlader und Kompaktmaschinen fertigt. „Die Zukunft für unser Werk in Shanghai ist hoffentlich großartig", so Jernberg.

Rokbak-Schließung: Motherwell bleibt Kompetenz-Zentrum für Dumper-Technologie

Ein weiterer strategischer Schnitt: Volvo CE stellte kürzlich die Produktion der Marke Rokbak ein, die Knickgelenkdumper herstellte. Jernberg: „Wir haben ziemlich hart gekämpft und mehrere Ansätze ausprobiert, einschließlich der Umbenennung der Knickgelenkdumper in Rokbak, aber letztlich konnten wir kein funktionierendes Geschäftsmodell finden."

Das Werk in Motherwell, Schottland, bleibt jedoch als Technologie-Zentrum erhalten: „Die Zukunft für Motherwell ist hoffentlich großartig, weil wir eine extrem gute Kompetenzbasis in Motherwell haben, wenn es um Transporttechnologie geht. Sie sind ein sehr wichtiger Teil unserer Technologie-Teams und der Kompetenz für Dumper, sowohl starr als auch knickgelenkt – das wird weiterhin helfen."

Wachstumsziel: Etwas schneller als der Markt

Die drei Kernsegmente Construction, Mining sowie Quarry & Aggregates sollen laut Jernberg jährlich um 5 bis 6 % wachsen. Volvo CE will „ein bisschen schneller als der Markt" wachsen – eine Strategie, die den Hersteller in eine starke finanzielle Position bringen soll. Jernberg betont, dass Geschäft nur dann Spaß mache, wenn man gewinne – und dass eine gesunde Bilanz bedeute, die eigene Zukunft kontrollieren zu können.

Teil dieser Zukunft ist die Weiterentwicklung elektrischer Baumaschinen in Erwartung der S-Kurve. Doch die Botschaft bleibt klar: Volvo CE investiert, passt an – und wartet nicht darauf, dass andere den Weg vorgeben.

Die strategische Ausrichtung des Herstellers zeigt: Elektrifizierung ist kein Verzögerungsprojekt mehr, sondern Teil einer langfristig angelegten Technologie- und Marktposition – mit Telematik, TCO-Rechnung und dem Vertrauen, dass der Markt nachzieht. Wann die S-Kurve tatsächlich einsetzt, bleibt offen. Doch Volvo CE hat sich entschieden, auf der Kurve zu sein, wenn sie kommt – nicht hinter ihr.